Die Motive der 18 Stifterfenster im Vaihinger Rathaus
25 Jahre Große Kreisstadt Vaihingen/Enz, ab 01.01.1973. Wappenfenster. Gestiftet von Familie Rolf A. Kern, Vaihingen, 1998
Das Fenster erinnert an die Ernennung der Stadt Vaihingen an der Enz zur Großen Kreisstadt am 1. Januar 1973. Zu sehen sind die Wappen der Stadt Vaihingen und der Stadtteile Aurich, Ensingen, Enzweihingen, Gündelbach, Horrheim, Kleinglattbach, Riet und Roßwag.
Aurich: In Blau eine silberne Weinberghape. Wappen seit 1618 nachgewiesen.
Ensingen: In Silber eine grüne Hirtentasche mit schwarzem Riemenbügel. Seit 1684 auf Marksteinen nachgewiesen.
Enzweihingen: In gespaltenem Schild vorne in Rot ein aufrechtes goldenes Bockshorn, hinten in Gold eine aufrechte schwarze Hirschstange. Seit 1480 nachgewiesen.
Gündelbach: In Grün der silbern gekleidete heilige Laurentius mit goldenem Nimbus, in der Rechten einen schwarzen Rost, in der Linken eine goldene Schale haltend. Der Patron der Gündelbacher Kirche ist der heilige Laurentius mit Rost und goldener Schale, er ist seit 1563 im Siegel der Gemeinde.
Horrheim: In Silber oben eine liegende schwarze Hirschstange, an der ein mit dem Mundstück linksgewendetes rotes Hifthorn mit goldenem Beschlag an roter Fessel hängt. Seit dem 15. Jahrhundert nachgewiesen.
Kleinglattbach: In Silber ein grüner Balken, belegt mit einem nach rechts laufenden silbernen Hasen. Das Wappen wurde 1931 aufgrund sagenhafter Erwähnungen eines älteren Wappens angenommen.
Riet Unter einem mit einer goldenen Hirschstange belegten schwarzen Schildhaupt in Gold eine schrägrechte schwarze Reithaue. Wappen seit ca. 1812 nachgewiesen.
Roßwag: In Rot eine fünfblättrige blau besamte goldene Rose. Wappen des Ortsadels, seit 1903 Wappen im Gemeindesiegel Roßwag.
Vaihingen: In Gold unter einer rechts liegenden schwarzen Hirschstange ein auf blauem Vierberg stehender blau gekrönter und blau bezungter roter Löwe.
Der Löwe stammt aus dem Wappen der Grafen von Calw-Vaihingen, die die Stadt gründeten. Die Hirschstange symbolisiert die Grafen von Württemberg, die 1339 Vaihingen erwarben. Das Wappen wurde 1530 von Kaiser Karl V. verliehen. Die älteste farbige Darstellung datiert von 1535.
Oberamtmann – Stadtschultheiß – Stadtschreiber verwalten Stadt und Amt. Gestiftet von Familie Ernst Eberhard Schmidt, Vaihingen, 1993
Das Fenster stellt Vaihingen als Verwaltungsmittelpunkt dar und erinnert an die Verwaltungsform, die am Anfang des 19. Jahrhunderts gebildet wurde. Vaihingen war Sitz des Oberamtes mit dem Oberamtmann an der Spitze. Die Hauptpersonen der Verwaltungshierarchie werden im Stifterfenster dargestellt.
Das „Reichsfenster“. Gestiftet von Wilhelm Kraut, Balingen, 1957
Graf Egino hält den Reichsabt Anselm von Lorsch um die Jahre 1096-1099 in Castro Vehingen in ehrenvoller Haft gefangen. Damit ist die Ersterwähnung einer Burg in Vaihingen und zugleich die erste Nennung des Ortes sowie eines hiesigen Grafen namens Egino/Egeno gesichert.
Getreu bis in den Tod. Gestiftet von Firma Franck und Kathreiner, Ludwigsburg, 1954
„Das Pregitzerfenster hält die Erinnerung an den Gerichtsherrn Georg Friedrich Pregitzer fest, der seine Mission zum Feinde während des dritten Raubkrieges (1688-1697) mit dem Leben bezahlte.“ (R.Heer)
Der Kaufmann Georg Friedrich Pregizer (* um 1640 Kürnbach; † 1693 Vaihingen) verhandelte als Beauftragter der Stadt Vaihingen im Jahr 1693 mit französischen Invasionstruppen, um Schonung für die Stadt zu erlangen. Er wurde jedoch gefangengesetzt, tagelang misshandelt und starb nach seiner Rückkehr.
Dato resolvirt, sambtliche Kinder wie vordem geschehen, in die Majen zu führen. Actum dem 15.Aprilis 1706 (zitiert aus dem Stadtgerichtsprotokoll 1706). Gestiftet von Wilhelm Kraut, Balingen, 1956
Das Fenster zeigt Szenen aus dem Vaihinger Maientag, der jährlich an Pfingsten gefeiert wird.
Der auf dem Fenster zitierte Text bezieht sich auf die Ersterwähnung des Maientags nach veraltetem Forschungsstand. Da er aber so eindrucksvoll die Zeitumstände zu Anfang des 18. Jahrhunderts schildert, soll der betreffende Abschnitt im Stadtgerichtsprotokoll (StadtAV V Nr. 875, p. 244V) zunächst vollständig zitiert werden: Dato in Beysein Herrn Vogtens und Herrn Diaconi resolvirt, daß bey heutiger Visitirung der Schulen mann jedem Kind 1 Creitzerweckh geben, auch in künfftigem Monath Maio, wann es die Kriegsunrueh und Mar{s]ch der Völckher nicht verhindert, die sambtliche Kinder wider, wie vor disem auch geschehen, in die Majen führen wolle.
Nach heutigem Kenntnisstand findet sich der früheste Hinweis auf den Maientag in der Spitalrechnung 1687/88 (StadtAV V Nr. 2346). Dort heißt es: Den 25. Maij Anno 1687, da Herr Specialis von Biettigheimb visitiert und zugleich die Kinder umb das Pappyer geloffen, ist verwent worden 11 ff. 12 xr. Daran das Gestifft des Pappyerlaufens halben 3 ff. und der Castenmeister wegen der Visitation 4 ff., ich aber das übrige bezahlt mit 4 ff. 12 xr.
Der Fensterstifter Wilhelm Kraut war ein Bruder des Vaihinger Stadtpflegers Friedrich Kraut.
Johann Heinrich Franck 1792-1867. Ein Wegbereiter des Industriezeitalters Gestiftet von den Familien Franck, Ludwigsburg, 1986
An der Spitze der Figurengruppe steht der Firmengründer Johann Heinrich Franck. Links unter ihm sieht man seine Frau Friederike Franck geb. Marquardt, wie sie einem Mädchen einen Teller reicht (Speisung von Armen und Kranken in Not). Rechts unten im Dreieck steht ein Arbeiter, der mit einem Werkzeug das Rohmaterial für den Zichorienkaffee bearbeitet. Daneben die Kaffeemühle als Firmenzeichen. Der Planwagen ist ein Symbol für Handel und Transport. Er rollt ins industrielle Zeitalter. Weil die Eisenbahn an Vaihingen vorbeiging, war das der Auslöser zum Umzug der Firma Franck nach Ludwigsburg (1868).
Schlossfräulein und Kreuzritter (um 1100) - Kreuzzüge 11.-13. Jahrhundert. Stifter Familie Blum, Vaihingen, 1952
Burgen und Schlösser bilden nicht nur den Schauplatz historischer Ereignisse, sondern auch den bevorzugten Mittelpunkt von Sagen und Geschichten. Mit der Vaihinger Burg ist die Sage vom Schlossfräulein verknüpft. In hellen Nächten, so wird erzählt, wandle eine lichte Gestalt durch die Reben am Schlossberg und halte Ausschau nach dem Geliebten, der als Kreuzritter ins Heilige Land gezogen und vom Kreuzzug nicht zurückgekehrt sei. Der Schatten des jungen Mädchens aber harre noch immer der Wiederkehr des Junkers.
Johann Valentin Andreae 1614-1620 in Vaihingen Gestiftet von Familie Karl Maier, Stuttgart, 1953
Johann Valentin Andreae (* 1586 Herrenberg; † 1654 Stuttgart) war ab 1614 Diakon in Vaihingen, wo ein Großteil seiner wichtigsten Schriften entstand, mit denen er eine Erneuerung des christlichen Denkens und Handelns erreichen wollte, u. a. die Sozialutopie »Christianopolis« (1619). Außerdem beschrieb er die beiden Stadtbrände von 1617 und 1618. Die dort enthaltenen kritischen Bemerkungen über das Verhalten und die Sitten der Vaihinger Bürger lassen auf erhebliche Spannungen schließen. Andererseits gelang es ihm, eine Reihe von Spendern für die Ausmalung der Stadtkirche durch Conrad Rotenburger zu gewinnen. 1620 Dekan in Calw, Hofprediger in Stuttgart 1639–1650, dann Generalsuperintendent, Abt und Prälat.
Patenschaft Vaihingen-Enz Jauernig (1955). Gestiftet von den Patenbürgern (Heimatgruppe Jauernig), Vaihingen, 1970
Im Juli 1955 übernahm die Stadt Vaihingen die Patenschaft für die Stadt und den Bezirk Jauernig in den Ostsudeten. Von hier kam eine nicht unbedeutende Zahl von Vertriebenen, die in Vaihingen sesshaft wurden. Mit der symbolischen Geste einer Patenschaft wollte man die Zugehörigkeit der Neubürger und Neubürgerinnen zur neuen Heimat bekräftigen.
Neben dem Stifterfenster ist auch Amtskette des Bürgermeisters ein Geschenk des Jauerniger Heimatbundes.
Graf Gottfried von Vaihingen, Gründer der Stadt (1189-1234). Gestiftet von Alfred und Gerhard Lämmle, Vaihingen, 1951
Graf Gottfried von Calw kam durch Heirat um 1189 an Vaihingen und benannte sich nach seinem neuen Besitz als Graf von Vaihingen. Er gehörte zum engeren Gefolge des Stauferkaisers Heinrich VI. mit dem er auch in Italien war. Er kämpfte an der Seite des Königs Philipp von Schwaben und war häufiger Begleiter von Kaiser Friedrich II. Damals strebten die Grundherren danach, innerhalb ihrer Besitzungen Städte zu gründen. Denn durch die Ansiedlung von Handel und Gewerbe erschlossen sie sich neue Quellen des Einkommens. Weil Gottfried die engsten Beziehungen zum Kaiserhofe hatte und sein Leben in die Hochflut der schwäbischen Städtegründungen fällt, wird ihm die Gründung unserer Stadt zugeschrieben. Gottfried starb im hohen Alter nach 1246.
Die Inschrift im Stifterfenster entspricht nicht dem heutigen Forschungsstand: keiner der Vaihinger Grafen hat den Namen oder Namenszusatz »von Kaltenstein« geführt.
Eberhard der Greiner übernimmt die Grafschaft Vaihingen von Konrad von Kaltenstein. Gestiftet von Familie Blum, Vaihingen, 1952
Die Bildunterschrift entspricht nicht den überlieferten historischen Gegebenheiten. Zunächst sei klargestellt, dass es nie Grafen »von Kaltenstein« gegeben hat. Die bisher festgestellten frühesten Nennungen »Kaltenstein« (für das Schloss) finden sich 1635 im Vaihinger Totenbuch sowie auf einer Landkarte von 1664; danach taucht der Begriff erst wieder im 19. Jahrhundert auf. Wichtiger ist, dass die Grafschaft Vaihingen bzw. der Rest davon nicht von einem Grafen Konrad an Württemberg überging; der Vorgang ist vielmehr komplizierter. Bereits 1339 waren Burg und Stadt Vaihingen über die Markgrafen von Baden und die Grafen von Oettingen an das aufstrebende Württemberg gekommen; die wirtschaftlich geschwächten Grafen von Vaihingen zogen sich auf ihre Burg Eselsberg über Ensingen zurück. Noch zu Lebzeiten seines Vaters Konrad V. vermachte Graf Heinrich von Vaihingen, der letzte männliche Spross des Geschlechts, im Jahr 1356 an Graf Eberhard den Greiner von Württemberg seinen Anteil am Rest der Grafschaft und was ihm noch durch Erbe zufallen würde. Nach Heinrichs Tod erhob jedoch seine Schwester Mechthild, die mit einem Grafen von Zollern verheiratet war, offensichtlich berechtigten Widerspruch gegen diese eigenmächtige Verfügung. In einer Art Erbvergleich verkaufte sie dann alle ihre Ansprüche und Rechte um 7 500 Pfund Heller an den Württemberger Grafen.
Friedrich Abel, geb. 1751 in Vaihingen an der Enz, 1829 Professor an der hohen Karlsschule 1772-1790. Unter dem bedeutenden Einfluss von Professor Abel entfaltet sich der Genius des jungen Schiller. Gestiftet von Wilhelm Kraut, Balingen, 1955
Sohn des Oberamtmanns Konrad Ludwig Abel; aufgewachsen in der Oberamtei (Grabenstraße 24), wo er eine glückliche Kindheit verlebte. Nach dem Besuch der städtischen Lateinschule und dem Landexamen weitere Ausbildung in den Seminaren zu Denkendorf und Maulbronn 1764–1768, dann Studium der Philosophie und der Theologie in Tübingen, Magister 1770; 1772 Professor an der »Karlsschule«, zunächst auf der Solitude, 1775 bis 1790 in Stuttgart; dort Lehrer und Freund Friedrich Schillers, dem er wesentliche Impulse vermittelte; Professor der praktischen Philosophie und der Beredsamkeit in Tübingen 1790–1811, Prälat, Generalsuperintendent von Öhringen und Vorsteher des Seminars zu Schöntal 1811, Generalsuperintendent zu Urach und zu Reutlingen 1823. Im württembergischen Landtag (Erste Kammer) 1815–1829.
Bürger aus der Stadt und Oberamt fordern liberale Reformen. 10. Januar 1848. Gestiftet von Firma Jung Bonbonfabrik, Vaihingen, 1991
Die Darstellung zeigt den Augenblick, in dem der Vertreter der Bürgerversammlung (mit rotem Gewand am Tisch) das Dokument (die Forderungen) dem Stadtschultheißen und Landtagsabgeordneten Jakob Heinrich Redwitz (* 1796; † 1854 Vaihingen) überreicht (mit Zylinder). Die Bewegung geht von dem Fahnenträger aus. Die schwarz-rot-goldene Fahne hängt über die Teilnehmer und führt zu dem Dokument, das so zum Mittelpunkt des Bildes wird. Die Bewegung der Fahne wird von der Hand und dem Arm des Schultheißen aufgenommen und weitergeführt. Ein Tisch im Vordergrund deutet die lebhaft stattgefundene Besprechung an.
In Erinnerung an die Auswanderer der Stadt Vaihingen (im 19. Jahrhundert). Gestiftet von Fabrikant Wilhelm Arendt, Vaihingen, 1958
Das Stifterfenster ist den zahlreichen Auswanderern gewidmet, die hauptsächlich im 19. Jahrhundert ihre Heimat verließen. Beweggründe für die häufig nicht ungefährliche Reise waren die oftmals mehr als ärmlichen Verhältnisse in der Heimat mit ihrem Kinderreichtum ohne Aussicht auf genügende Versorgung. Ein beträchtlicher Prozentsatz entfiel auch auf die straffälligen Mittellosen, denen die Armenkassen den Weg in eine neue Bewährung öffneten. Ziele waren neben Amerika die früher russischen Teile Polens, Böhmen, die Schweiz, Frankreich, Afrika und Russland.
Das Handwerk - ein bedeutender Gewerbezweig unserer Stadt. Gestiftet von Firma Lämmle, Vaihingen, 1988
Die Dreiergruppe verkörpert das Handwerk der Stadt. Rechts unten der Schmied am Schmiedefeuer mit Hammer, Zange, glühendem Eisen und Amboss. Links der Glaser mit einem Glasschneiderund oben der Gerber mit Messer an Schabbock.
Die Verselbstständigung der Handwerker fällt in die Zeit der Stadtgründung (13. Jahrhundert), Blütezeit im Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. Die Handwerker hatten eine auskömmliche Schaffensperiode, sie sorgten für eine gedeihliche Entwicklung der Stadt. Dreiviertel der Einwohner waren Handwerker. Laut Oberamtsbeschreibung gab es um 1856 in Vaihingen 278 Meisterbetriebe (mit 122 Gesellen), darunter waren 22 Bäcker, 25 Metzger, 15 Schreiner. 39 Gastwirtschaften.
Minnesänger Bernger von Horheim um 1194. Gestiftet von Gerhard Palm, Vaihingen, 1981
Der adlige Minnesänger Bernger von Horheim ist im Gefolge des Grafen Gottfried von Vaihingen nachweisbar. Seine Lieder zeigen das höfische Verhalten zwischen Mann und Frau. Sechs seiner Gedichte sind überliefert und in den Sammlungen von Rütiger von Manesse, Ratsherr in Zürich, enthalten.
Landwirtschaft und Weinbau prägten Menschen und Landschaft. Gestiftet von Vertretern der heimischen Landwirtschaft und des Weinbaus, 1989
Eine Dreiergruppe mit dem Motiv: Saat und Ernte. Oben ein Bauer mit übergehängtem Sack, aus dem er das Saatgut auswirft. Darunter die Bäuerin mit der Sichel in der Hand, um das gemähte Getreide zu einer Garbe zu binden. Die Ähren der Garbe überschneiden die Bildmitte und weisen so auf den Weingärtner - dargestellt durch einen Buttenträger - hin, der den Weinbau unserer Landschaft von Enztal und Stromberg verkörpert. Über ihm ein Weinbergpfahl mit Rebe.
Katrin Opfer ihrer Zeit (1612). Gestiftet von Familie Karl Maier, Stuttgart, 1953
Das Stifterfenster erinnert an die Jahre vor dem Dreißigjährigen Krieg, als auch in Vaihingen Hexenprozesse stattgefunden haben. Die als Hexe hingerichtete erfundene Henkerstochter Katrin war Inhalt eines für den Maientag 1949 verfassten Heimatspiels.



















