Vaihingen kommt endlich „an die Enz“
Baustart am Enßle-Areal bildet Startsignal für ein Infrastrukturprojekt der besonderen Art: Bürgergartenschau Vaihingen ENZückt 2029 – Ende eines jahrelangen Streits
Vaihingen – Der 24. August 2026 wird rückblickend für Vaihingen an der Enz ein historischer Tag sein. Der Baustart auf dem Enßle-Areal bildet nicht nur das Startsignal für die sichtbaren Arbeiten zur Bürgergartenschau Vaihingen ENZückt 2029 und die damit verbundene Metamorphose – hin zu einer schmucken Stadt mit hoher Aufenthaltsqualität für alle Generationen an einer erlebbaren Enz. Er setzt gleichzeitig einen friedvollen Schlusspunkt unter einen zehnjährigen Streit über die Nutzung des Geländes und den Umgang mit den historischen Bürgergärten in den angrenzenden Köpfwiesen. Der Abtrag nicht mehr nutzbarer Gebäudeteile schafft 3000 Quadratmeter entsiegelten Freiraum: für Grün, Stadtklima, neue Wege und Möglichkeiten.
Ein Blick zurück
Die historischen Gärten in den Köpfwiesen zwischen Enz und Altstadt sind ein besonderes Zeugnis städtischer Gartenkultur. Seit Jahrhunderten wurden sie von ihren Nutzern liebevoll bewirtschaftet und gepflegt. Die Pläne der Stadtverwaltung, das Enßle-Gebäude durch einen Wohn- und Geschäftskomplex zu ersetzen und dafür drei der Gärten in den angrenzenden Köpfwiesen zu opfern, stießen im Jahr 2016 auf Widerstand in Teilen der der Stadtgesellschaft. Die Befürworter, darunter viele Fraktionen im Gemeinderat sowie Vertreter aus Wirtschaft und Handel, sahen in dem Geschäftskomplex die große Chance auf eine Anbindung des Areals an die Altstadt sowie eine Belebung der Innenstadt. Eine neu gegründete Bewegung fand jedoch das Naherholungsgebiet an der Enz gefährdet und kippte den geplanten Einkaufskomplex im Jahr 2018 mit einem Bürgerentscheid. Zur Erinnerung: Wer mit „Ja“ stimmte, sprach sich dagegen aus, den bisherigen Enßle-Bau unmittelbar durch ein Wohn- und Geschäftsgebäude zu ersetzen. Wer mit „Nein“ stimmte, befürwortet eine Änderung des bisherigen Bebauungsplans Köpfwiesen und den besagten Neubau. Bis zum Jahr 2021 sollte der Bebauungsplan also nicht geändert werden. 4823 Wahlberechtigte stimmten mit Ja, 3575 mit Nein. Die Stimmbeteiligung lag bei 37,19 Prozent.
Auch im Leitbildprozess aus jener Zeit bewerteten mehr als 40 Prozent der teilnehmenden Vaihinger die touristische Entwicklung der Gesamtstadt als sehr wichtig. 87 Prozent sahen in der Gartenschau 2029 eine Chance zur Aufwertung der Stadt. Die Ideen damals wie heute: die Enz erlebbar zu machen und den Bereich Enßle mit Gastronomie/Biergarten/Café aufzuwerten und Bürgergärten in den Köpfwiesen zu erhalten.
Die Zukunft startet 2026
Nach dem Ende der Bindefrist war der Weg frei für neue Ideen. Der Siegerentwurf des freiraumplanerische-städtebaulichen Realisierungswettbewerbs des Büros Stephan Lenzen aus Köln-Mannheim (RMPSM) im Jahr 2023 stellte vor allem die Revitalisierung der Enz sowie die Wiederbelebung der ungenutzten Industriebrachen Häcker und Weller in den Mittelpunkt der Ideen. Aus Alt mach Zukunft: Wie Phönix aus der Asche werden aus Lost-Places charmante neue Orte der Begegnung: für Außen- und Innengastronomie, Freizeitgestaltung, Wohnen, Einkaufen. Und dies weit über das Gartenschaujahr 2029 hinaus. Das gesamte Enßle-Areal soll als historisches Scharnier zwischen Gartenschaugelände, erlebbarer Enz und Innenstadt fungieren. Im Enßle-Gebäude aus den 1930-er Jahren erkannten die Planer (im Gegensatz zum backsteinernen historischen Pferdestall mit seinen Staffelgiebeln) eher eine belastete „Bausünde“ als ein erhaltenswertes Baudenkmal.
So ist es das Infrastrukturprojekt Bürgergartenschau 2029, das den tiefen Graben in der Stadtgesellschaft ebnet. Denn die Pläne für die Gartenschau vereinen die widerstreitenden Interessen. Zum einen bleiben die historischen Bürgergärten in den Köpfwiesen erhalten. Mehr noch: Sie werden nicht nur den wenigen Eigentümern und Pächtern, sondern der gesamten Stadtgesellschaft zugänglich gemacht. Durch den parkähnlichen Teil der künftigen Bürgergartenschau mit liebevoll hergerichteten, historischen Gärten führt ein Fußweg zu einer kleinen Brücke, die Besucher schließlich zum Gartenschaugelände Häcker-Areal leitet. Darüber hinaus steht die Retentionsfläche vor dem rückverlegten Damm als öffentliche Sonnenwiese zur Verfügung – dazu wird die bisherige Veranstaltungsfläche des Kultursommers auf Häcker-Areal verlegt.
Das Tor zur Bürgergartenschau von der Innenstadt aus wird das aufgewertete Enßle-Gelände bilden – ohne neuen Wohn- und Geschäftskomplex. Ganz so, wie es sich die damaligen Gegner gewünscht haben. Dazu wird das ehemalige Gebäude nach dem Beschluss des Gemeinderates vom April 2025 gänzlich abgetragen und schafft Platz zur Gestaltung. „Wir erhalten die Zahl der bisherigen Parkplätze und verlegen sie in Richtung Mühlkanal“, betont der Geschäftsführer des Eigenbetriebs Gartenschau, Norbert Geissel. Zum anderen wird gleich hinter dem Parkhaus Köpfwiesen im und um den historischen Pferdestall ein attraktiver Gastronomiebereich realisiert. Er soll auch nach 2029 ein Anziehungspunkt für Vaihinger und Gäste sein. Eine neu gestaltete Spielzone gleich gegenüber der kleinen Enz-Insel wird zur Hauptattraktion für kleine Besucher und Bewohner. Der Spielplatz greift die Geschichte des Gerberhandwerks auf.
Die Metamorphose beginnt
Das Enßle-Areal entwickelt sich damit zum Bindeglied zwischen erlebbarer Enz für alle und frequentierter Altstadt mit Einkaufsmöglichkeiten und Gastronomie. Ganz so, wie es sich Handel, Wirtschaft und viele Bürger bereits 2017 gewünscht haben. „Die Bürgergartenschau ermöglicht der Stadt Vaihingen eine infrastrukturelle Entwicklung, die wir ohne das Projekt insbesondere vor dem Hintergrund der finanziellen Lage der Kommunen niemals realisieren könnten. Sie ist unsere Investition in die Zukunft unserer Stadt, unser Geschenk an die kommende Generation!“, sagte Oberbürgermeister Uwe Skrzypek beim offiziellen Baustart. Von Tourismusförderung, mehr Besuchern, neuer Gastronomie und einer höheren Aufenthaltsqualität im schönen Vaihingen profitierten Besucher und Bürger gleichermaßen – monetär und ideell. Nur mit der mehr als 50-prozentigen Förderung der Gartenschauprojekte könne die Metamorphose Vaihingens gelingen: hin zu einer attraktiven, sehenswerten Stadt an einer erlebbaren Enz. „Endlich füllen wir unser `an der Enz´ mit Leben.“

























