Stadt startet Initiative: Ich bin ERIKA - Bist du auch ERIKA?
Die Vaihinger Stadtgemeinschaft soll zu mehr Achtsamkeit und Mut aufgerufen werden: Wer sind wir und wer wollen wir als Stadtgesellschaft sein? – Rapper präsentiert „Erika“-Song
Im Zuge ihres Neujahrsempfangs hat die Stadt Vaihingen an der Enz eine Initiative gestartet: Unter dem Motto „Ich bin Erika!“ soll die Stadtgemeinschaft zu mehr Achtsamkeit, Zivilcourage und Respekt aufgerufen werden. „Wir brauchen den Mut, uns gegenseitig auf Missstände und Störfaktoren aufmerksam zu machen. Freundlich, aber bestimmt“, sagte Oberbürgermeister Uwe Skrzypek. Als leuchtendes Vorbild soll hierbei das Wirken von Erika Gaessler dienen. Sie war beim Empfang im vergangenen Jahr als erste Frau mit der Bürgermedaille der Stadt ausgezeichnet wurde – posthum. Die Nachricht von der Auszeichnung hatte sie aber noch erlebt.
Wofür stand die im Stadtbild omnipräsente Erika Gaessler? Zivilcourage, Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit, Offenheit, Respekt, Menschlichkeit, Miteinander ohne Ressentiments, Präsenz im Stadtbild, aber auch Hinschauen, Probleme offen ansprechen, Mut, Ehrlichkeit, Loyalität zu Vaihingen. Das waren nur einige Attribute, die Bürgerinnen und Bürger der rührigen Seniorin beim Neujahrsempfang 2026 in der Stadthalle zuordneten. Bemerkenswert: Der Respekt vor der Lebensleistung der „guten Seele vom Marktplatz“ geht über Altersgrenzen und kulturelle Zugehörigkeiten hinweg. Vor allem bei jungen Menschen fand ihre beherzte, ehrliche Art Anklang. Wenn sie auf Missstände aufmerksam machte, dann nie anklagend, sondern verständnisvoll, aber dennoch resolut.
Genau diese Eigenschaften sind die Fundamente eines sicheren, friedlichen, respektvollen Zusammenlebens einer Stadt. Mit der Kampagne „Ich bin Erika – Bist du auch Erika?“ soll sich jeder angesprochen fühlen, freundlich, aber bestimmt auf Störfaktoren wie Unsauberkeit oder Lärm aufmerksam machen zu können. Ohne Ressentiments. „Wir dürfe nicht aufhören uns zu sagen, was uns stört“, begründet Oberbürgermeister Uwe Skrzypek die Initiative, die eine Initialzündung für mehr WIR statt IHR sein soll. Es geht um direkte Kommunikation statt Konfrontation.
Initialzündung für die ganze Stadt
Zum Start der Kampagne stand stellvertretend für eine Gruppe der Stadtgesellschaft ein junger Mann auf der Bühne: Nevio. Der 19-jährige Rapper lebt in Vaihingen und arbeitet als stellvertretender Teamleiter bei einem Vaihinger Unternehmen. Seine aus Italien stammende Familie lebt in dritter Generation in der Enzstadt – und Nevio war Nachbar von Erika Gaessler. Für ihn war sie eine Respektsperson, eine Institution. Heute noch fällt es ihm schwer, von ihr als „Erika“ zu sprechen. „Für mich ist sie Frau Gaessler, die Seele vom Marktplatz“, sagt er. Danach gefragt, wie er und seine Freunde sie beschreiben würden, sagt er: „Die Polizei, in sehr nett.“ In allen Kulturen haben Menschen – ob jung oder alt, ob männlich oder weiblich – Respekt vor der weisen Großmutter, der grand-mère, der abuela, der büyükanne, der nonna.Nevio würdigt sie in seinem Song und fungiert damit vielleicht als Bindeglied zu seiner Generation junger Vaihinger mit und ohne Migrationshintergrund.
Ein Rap für die Stadt
Es war für Nevio ein Herzensanliegen, den Song für die Kampagne zu schreiben. Und weil er seit seinem 13. Lebensjahr leidenschaftlicher Rapper ist, konnte es nur ein Erika-Rap werden. Gemeinsam mit dem 22-jährigen Horrheimer Studenten und Musikproduzenten Moritz Adam komponierte und produzierte er das Lied, dass das Gefühl seiner Generation gegenüber „...der Frau mit dem Blick, der die Leute beruhigt“ ausdrücken soll: „Als ob Vaihingen weint wie ein ganz kleines Kind. Ohne sie ist es wie ein Film ohne Ton... Doch wir alle sind am Start. Von der Enz bis zum Schloss, vom Marktplatz durch die alte Stadt: Erika ist da, denn wir sind Erika!“ Der Song soll auch auf Social Media veröffentlicht werden und wurde beim Neujahrsempfang erstmals live präsentiert.
Bei den Gästen des Neujahrsempfangs wurden der Rap und die Idee zur Initiative gefeiert. In einer eigens eingerichteten Erika-Lounge konnten sie mit den Verantwortlichen aus der Stadtverwaltung ins Gespräch kommen bzw. ihre Gedanken zu Papier bringen.
Mehr WIR statt IHR
Das Ziel der Initiative, die die Bürgerinnen und Bürger selbst mit Leben füllen, ist ein offener, ehrlicher Umgang über kulturelle Grenzen und Altersgrenzen hinweg. Jeder soll sich für „meine Stadt Vaihingen“ verantwortlich fühlen. Sich der Frage stellen: „Was kann ich selbst tun, damit sich jeder sicher und wohl in der Stadt fühlt? Dazu ist ein Kennenlernen, ein gegenseitiges Verständnis für die Werte und Grenzen der anderen notwendig: Ein 60-Jähriger regt sich über die Zigaretten auf, die ein 18-Jähriger auf den Marktplatz wirft. Der 18-Jährige findet es unerträglich, dass ein betrunkener alter Mann am Adlerplatz neben spielenden Kindern seinen Rausch ausschläft. Miteinander ins Gespräch zu kommen ist also der Kern der Kampagne. Dies kann bei Festen und Aktionen, aber auch einfach so auf der Straße passieren.
Bist du auch Erika?
Herzstück ist der Satz: „Bist du auch Erika?“ Auf freundliche, nicht verletzende Art und Weise soll er dazu dienen, Mitmenschen auf grenzverletzendes Verhalten anzusprechen. Im Idealfall kennt der Gegenüber den Satz. Er dient quasi als einheitliche Sprache über Sprach-, Kultur- und Altersgrenzen hinweg, als Synonym für gegenseitiges Verständnis und Respekt.





















